Dokumentum

2000-10 Schuldenberatung

Schuldnerberatung in Ungarn

Péter Győri und Zsuzsanna Papp,Ungarn

Als Mitglieder der Budapester "Schuldnerberatungs-Werkstatt" haben wir vom 6.-12. August 2000 an einer Studienreise teilgenommen, bei der wir die Arbeit der deutschen Schuldnerberater, ihre Ausbildung, die Rechtsgrundlagen sowie die fachlichen, beruflichen, ökonomischen und gesellschaftspolitischen Hintergründe kennengelernt haben.

An dieser Studienreise haben 5 ungarische “Schuldenfachleute” teilgenommen, die in erster Linie als Berater, aber auch als Fortbildner arbeiten.Sie bilden beratungsmethodisch aus und beteiligen sich an der Durchführung der “Schuldnerberatungs-Werkstatt” in Budapest. Auch engagieren sie sich für die Entwicklung des Schuldnerberatungs- und Unterstützungssystems in Ungarn.

Während unserer Studienreis, konnten wir die deutsche Ausbildungstruktur am Beispiel der EFH Darmstadt kennenlernen und uns am Schuldnerfachberatungszentrum an der Universität Mainz mit der Geschichte und den Perspektiven der Schuldnerberatung vertraut machen. Wir haben die paktische Arbeit der kommunnalen Schuldnerberatung der Stadt Darmstadt und die Fachberatung des Diakonischen Werkes der Pfalz in Speyer kennenlernen dürfen. Auch in die spezielle Schuldnerberatung mit Drogenabhängigen und Strafgefangenen, sowie in das Wohnungssicherungssystem und in die Finanzierung der Schuldnerberatung haben wir Einblick gewonnen.

Nach dieser Reise fällt es uns nicht leicht, einen Vergleich zwischen dem deutschen und dem ungarischen System zu ziehen. Im Folgenden haben wir unsere ersten Eindrücke, die sich ergebenden Fragen und unsere Gedanken für eine künftige Weiterentwicklung zusammengefasst. Zunächst aber möchten wir die Hintergründe der Überschuldung ungarischer Privathaushalte näher darstellen.[1]

Zur Schuldenproblemtik in Ungarn

Das Problem der Überschuldung konzentriert sich in Ungarn auf den Wohnungsbereich. Es erwächst in erster Linie aus der Unfähigkeit, die Kreditraten für den Wohnungserwerb zurückzuzahlen, Mietschulden und Tarifrückstände bei den Stadtwerken sowie sonstige Nebenkosten auszugleichen. Nach Regierungsquellen sind 800 000 bis 900 000 Haushalte betroffen und die geschätzte Summe der Schulden bei den Stadtwerken liegt bei ca. 10 Mrd Ft. (ca. 40-50% davon sind seit mehr als 6 Monaten fällig).


Tabelle 1.

Akkumulierte Energiekostenrückstände der ungarischen Bevölkerung[2]

(Juni 1996 - Mai 1997)

Zahl der Verbraucher mit Tarifrückstand[3]

Prozentanteil der Verbraucher mit Tarifrückstand

( in % )

Rückständige Beträge

(in Mio. Ft)

Prozentanteil der Außenstände am Jahresumsatz

( in % )

Rückstand pro überschuldetem Haushalt

(Ft / Jahr)

Stromversorgung

603 871

13,2

2 700

3,0

4.500.-

Gasversorgung

137 352

5,5

2 223

2,6

16.200.-

Fernheizungs- versorgung

135 183

21,1

5 082

12,1

37.400.-

Insgesamt

876 406

10 005

Nach obigen. Angaben betragen die Außenstände im Durchschnitt 4,5% aller im Kalenderjahr in Rechnung gestellten Energielieferungen. Dahinter stehen aber bedeutende Unterschiede. Vor allem fällt der hohe Zahlungsrückstand bei der Versorgung mit Fernwärme auf.

Mit der Rückzahlung der Wohnungskredite waren 1998 652.000 Haushalte im Verzug (Gesamtsumme: 21 Mrd Ft = 21% der Wohnungskredite). In 38.000 Fällen hat die Ungarrische Sparkasse OTP bereits Gerichtsverfahren eingeleitet, um die Forderungen einzuklagen.

Das Zentrale Statistische Amt (ZSA) hat im April 1998 eine "Fragebogenerhebung" zu den Lebensumständen der Haushalte, die Sozialhilfe beziehen, durchgeführt und dabei festgestellt:

"Unter den Sozialhilfeempfängern leben die Energieschuldner unter schlechteren Wohnungsbedingungen: Ihr Anteil an in größeren Wohnungen lebenden Personen ist niedriger, der Anteil dieses Personenkreises, der in dunklen, nassen, ungesunden Wohnungen mit schlechten Lebensumständen lebt, ist überproportional hoch. Die Mehrheit hat kein Einkommen aus Erwerbstätigkeit (kaum 1/3 dieser Menschen ist wirtschaftlich aktiv, und arbeitet). Ein Drittel lebt von Arbeitslosengeld oder -hilfe; eine weitere bedeutende Gruppe sind die Invalidenrentner."[4]

17% der in die Untersuchung einbezogenen Haushalte hat eine oder mehrere unbezahlte Rechnungen offen. Von den Hilfeempfänger-Haushalten mit Kindern sind ca. 20% betroffen. Von den kinderlosen Haushalten haben ca. 10% mitgeteilt, dass sie Schulden haben. 22% der kinderlosen, 36% der Einkind-, 44% der Zweikinder- und 52% der Mehrkinderhaushalte hat einen Kredit - meist zum Erwerb der Wohnung- in Anspruch genommen. Die in den letzten Jahren zu beobachtende Zunahme der Verbraucherkredites zeigt, dass sich viele Familien in finanziell bedrängten Situationen befinden. Ein Viertel der Hilfeempfänger mit Tarifrückständen haben bereits eine Zwangsmaßnahme wegen ihrer Schulden hinnehmen müssen. Sanktioniert wurde mit der Einstellung der Stromversorgung (45%) bzw. der Gasversorgung (17%). Bei 17 % wurde ein Wertgegenstand gepfändet und bei 12% wurde die Wohnung versteigert.

Hintergründe privater Überschuldung in Ungarn

Die Zahlungsrückstände ungarischer Haushalte stehen in engem Zusammenhang mit dem ökonomischen Wechsel zur freien Marktwirtschaft.

Von Bedeutung sind insbesondere:

Seit Anfang der 90er Jahren sind die Lebenshaltungskosten um 500% gestiegen. Die Steigerung der Wohnungskosten lag oft höher als die allgemeine Inflationsrate.

Tabelle 2.

Wohnungskosten[5]

Jahr

Wohnungskosten pro Person   Ft/Jahr

1993

19 770

1994

31 669

1995

33 240

1996

43 428

1997  I. Vierteljahr

56 880

Den bedeutendsten Ausgabenposten der Haushalte stellen die Wohnungs- und Nahrungsmittelkosten dar. Im Jahre 1989 haben die Haushalte durchschnittlich 32% ihrer Ausgaben für Lebensmittel und 10% für Wohnungskosten ausgegeben. Im Jahre 1997 lagen die Lebensmittelausgaben bereits bei 40% und die Wohnungskosten waren fast doppelt so hoch (18%). Im Landesdurchschnitt machen die Wohnungskosten bei Familien, die über besonders hohe Einkommen verfügen 16% der Haushaltsausgaben aus, bei den Familien mit niedrigem Gehaltsniveau sind es durchschnittlich 20% und bei Sozialhilfeempfängern über 40%[6]. (Nach den Angaben der EU für den Anfang der 90er Jahre lagen die Wohnungskosten im Haushaltsbudget in Belgien bei 24,3%; in Frankreich bei 29,2%; in Deutschland bei 20,6%; in UK bei 24,1%; in Griechenland bei 20,2%; in Portugal bei 14,2%[7])

Untersucht man die Angaben aus Ungarn sind einige gesellschaftlliche und regionale Ungleichheiten festzustellen. So sind z.B. in den östlichen Regionen die Tarifrückstände viermal so hoch wie im Landesdurchschnitt[8].

Die Energieschulden betreffen die Siedlungstypen unterschiedlich. Bei den Stadtwerken sind in erster Linie die städtischen Wohnblockviertel mit Fernheizung betroffen. Den Bewohnern ist es nicht möglich, durch eineEinschränkung des Verbrauchs ihre Ausgaben zu senken. Auf dem Lande überwiegen Großfamilien als Hausbesitzer, wobei die Häuser meist in den 80er Jahren gebaut wurden Aufgrund von Arbeitslosigkeit sind sie nicht mehr im Stande, ihre Bankkredite, die erhöhten Zinsen, Wohnungsnebenkosten und andere Verpflichtungen zurückzuzahlen.

Die Steigerung der Tarifrückstände bedroht immer mehr den Wohnungserhalt, die effiziente Tätigkeit der Stadtwerke und den gesellschaftlichen Frieden des Wohnumfeldes (Wohnblock, Straße, Dorf).

Seit der Wende haben die verschiedenen Regierungen in erster Linie mit Sozialhilfe zu helfen versucht. Um die steigenden Kosten der Wohnungen zu kompensieren, wurde die sog. "Wohnungserhalt-Beihilfe" geschaffen. Das Ziel dieser Hilfe ist es, die Entstehung von Energieschulden und den Wohnungsverlust von Familien zu verhindern. Die - von Widersprüchen belastete - Regelung der "Wohnungserhalt-Beihilfe" ist seit 1994 n Kraft.

Die von öffentlichen Interessen abhängige und als Ermessungsentscheidung ausgestaltete Hilfepraxis löste diese Probleme nicht. Dies belegen die Daten der ZSA: So haben ”65% der Verbraucher mit Energieschulden überhaupt keine Sozialhilfe erhalten, und viele, die sie bekommen haben, konnten damit ihr Problem doch nicht lösen”. Deshalb wäre eine Überprüfung des heutigen Hilfesystems nötig.

Das Modell von Budapest

Das Budapester Modell besteht aus mehreren zusammenhängenden Modulen.

Das Gebiet der Stadt Budapest besteht aus 23 voneinander unabhängigen Selbstverwaltungsbezirken mit 23 unterschiedlichen Sozialhilfesystemen. Das Sozialhilfesystem wird von den jeweiligen Selbstverwaltungen der Bezirke bestimmt. Sie entscheiden auch über die Finanzierungsquellen.

Die Stadtwerke, zuständig für die Versorgung mit Gas, Wasser, Kanalisation, Fernheizung und die Müllabfuhr, sind Eigentum der Hauptstadt. Diese bestimmt alle Tarife.

Auf diesem Umstand basiert das Unterstützungssystem der Hauptstadt für Energieschuldner. Allgemein wird diese Unterstützung “Kompensation der Stadtwerktarife”genannt. Sie erfolgt in Form von Rechnungsgutschriften für all diejenigen Verbraucher, die aufgrund ihrer Einkommenssituation ihre Rechnungen voraussichtlich nicht werden bezahlen können. Mit geringem administrativem Aufwand sollen bei Personengruppen mit niedrigem Einkommensniveau Energieschulden präventiv verhindert werden.

Diese prävantive Unterstützung wird ergänzt durch die private Stiftung “Netz”, die von den Stadtwerken errichtet und mit Kapital ausgestattet wurde. Die “Tarifausgleichs-Unterstützung” der Stiftung ist für diejenigen Haushalte gedacht, die bereits in Zahlungsrückstand geraten sind. Weitehin gibt es eine spezielle Hilfeform, die “Krisenunterstützung” genannt wird und gedacht ist für von Zwangsräumung bedrohte Familien.

Die Selbstverwaltung der Hauptstadt hat weitere Ansätze zur Verbesserung und Weiterentwicklung des Sozialsystems geschaffen.. Im Zuge einer Projekt-Ausschreibung entstand das ”kostenlose Wohnungsumtauschnetz”[9].

Auch wurde zur Wohnungssicherung ein Schuldnerberatungsangebot geschaffen, welches vorrangig an die bestehenden Familienberatungsstellen angegliedert ist. Diese Arbeit wird getragen von spezialisierten Sozialarbeitern, Fachberatern und Juristen. Die Finanzierung erfolgt im ersten Jahr durch die Stadtverwaltung Budapest. Die Bezirksverwaltungen mußten sich verpflichten, mindestens die beiden Folgejahre zu finanzieren.

Die Notwendigkeit von Schuldnerberatung

Mit großer Verspätung wurde 1998 die Verordnung der Regierung über die Unterstützung überschuldeter Haushalte geschaffen. Mit kontinuierlichen Änderungen war die Verordnung zwei Jahre lang gültig. Zielsetzung war es, mit Unterstützung von Regierungsseite und örtlicher Selbstverwaltung die Energie- und Wohnungskreditschulden bei denen zu sanieren, die über genügend Eigenmittel verfügten, um ihre Schulden zumindest teilweise zu bezahlen.

Wir wissen heute, dass diese Verordnung ihr Ziel nicht erreichte, da nur ein sehr kleiner Teil der überschuldete Haushalte (3%) diese Hilfe in Anspruch nehmen konnte.

Immerhin erwähnte diese Verordnung erstmals die Notwendigkeit von Schuldnerberatung, denn immer mehr Klienten meldeten sich bei sozialen Hilfevereinen mit typischen Überschuldungsproblemen. In einigen Großstädten (z.B. in Budapest) wurden - im Rahmen der Projektfinanzierung – erste auf Schuldenberatung  spezialisierte Angebote gefördert.

Im Fortbildungsbereich entstand eine Zusammenarbeit zwischen der ungarischen Wohlfahrtsbildungszentrale - Institut für Entwicklung sozialer Bildung- und dem holländischen PLAN Paktijk dynamic assistance b.v. Sozialunternehmen. Diese Arbeitsschwerpunkte lagen auf Budgetberatung, Familienhilfe und Beschäftigungojekten für Arbeitslose. Ziel der Zusammenarbeit war, ein Ausbildungssystem für Schuldenberatung zu entwickeln und ein Fachberaternetz auf Landesebenezu schaffen. Das ”MATRA Projekt” wurde vom holländischen Staat und dem ungarischen Wohlfahrtsministerium drei Jahre lang unterstützt. Fortbildungsinhalte des ersten Kurstes waren: Grundlagen der Haushaltswirtschaft, Kommunikation, Abeitsrecht, Methodik der Schuldnerberatung (Zusammenstellung des Haushaltsbudgets; Überschuldung als Sozialproblem; Kontakt mit Gläubigern usw.), Öffentlichkeitsarbeit, soziales Sicherungssystem, Projektmanagement.

Die Teilnehmer kamen aus den unterschiedlichsten Gebieten der Sozialen Arbeit. Sie waren Fachleute, die sich schon in anderen Arbeitsfeldern (Familienhilfe, staatliche Fürsorge, Zigeunerarbeit, …) mit dem Überschuldungsproblem konfrontiert sahen und eingesehen hatten, dass dieses mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln nicht zu bewältigen ist. Sie waren aufgeschlossen für das Lernen und Anwenden neuer innovativer Methoden.

Der nächste Kurs wurde mit ca. 40 Stunden um soziologische, wirtschaftliche, finanzielle und juristische Informationen erweitert, die schon von ungarischen Fachleuten unterrichtet wurden. Der Lehrstoff wurde Schritt für Schritt ”ungarisiert”. Teilnehmer waren Mitarbeiter von städtischen Projekten und Familienberatungsstellen, aber auch Arbeitslose und Mitarbeiter von Iniativen, die keine öffentliche Finanzierung  erhielten.

Als nächster Schritt ist ein Aufbaustudium geplant, an dem nur Personen teilnehmen können, die ein Sozialdiplom oder auch ein anderes Diplom sowie 3 Jahre Erfahrungen in der Sozialen Arbeit verfügen.

Dies soll sicherstellen, dass die Teilnehmer ausreichende Hintergrundkenntnisse und genügend Praxiserfahrung besitzen, um das Berufsniveau zu sichern. Im Hintergrund steht die Frage, wo diese neue Spezialdisziplin ihren Platz im Hilfesystem finden soll. In Anlehnung an die Familienberatung entwickelte sich die Schuldnerberatung als soziale Dienstleistung. Vorrangige Lehrinhalte des Aufbaustudiums sollen sein: Haushaltswirtschaft, Rechtskenntnisse für Schuldnerberater, Verbraucherrecht, Kommunikation, Projektmanagement, praxisnahe Übungen, Übungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung.

 Die Mehrheit der Teilnehmer unserer Kurse arbeitet heute als Schuldnerberater. Es gibt viele andere die solche Aufgaben lösen, aber bisher noch nicht an dieser Ausbildung teilgenommen haben.

Die Erfahrungen der Studienreise  in Deutschland

Unser wichtigster Eindruck war, dass die Ursachen der Überschuldung in den in Deutschland und Ungarn unterschiedlichen politischen unjd ökonomischen Rahmenbedingungen der vergangenen Jahrzehnte liegen. Neben den gemeinsamen Anlässen von erheblicher Bedeutung – hier sind vorallem Arbeitslosigkeit und das Entfallen des traditionellen Familienmodells zu nennen - kommt in Deutschland als wichtigstes Spezifikum die extensive Kreditzuteilung in Verbindung mit veränderten Verbrauchergewohnheiten hinzu.

In Ungarn entsteht Überschuldung vor allem aus der Schwierigkeit, gewährte Wohnungskredite zurückzuführen.. Dies geht einher mit Änderungen der Verbrauchergewohnheiten und unerwarteten Kreditzinserhöhungen. Auch steht die Überschuldung in Ungarn im engen Zusammenhang mit den gesamtwirtschaftlichen Prozessen (Privatisierung, Strukturwandel, unterschiedliche Entwicklung der Regionen, Steigerung der Wohnungskosten usw.) und fehlender wirtschaftlicher Planung in vielen privaten Haushalten.

Nach unserem Eindruck bilden die Schuldnerberater in Deutschland eine markante Berufsgruppe. Wegen der kurzen Zeit konnten wir die exakte Arbeitsteilung zwischen Schuldnerberatung und anwaltlicher Beratung nicht klar erkennen. Es ist uns auch nicht völlig klar, wo die Trennlinie zwischen Schuldnerberatung und Verbraucherberatung verläuft. Die Verbraucherberatung sieht wohl eher die Probleme der Menschen als Folgeprobleme von Vertragsverhältnissen, während die Schuldnerberatung Beratung als ganzheitliche Hilfe mit lebenspraktischen, hauswirtschaftlichen, kaufmännisch/rechtlichen und psychosozialen Inhalten betrachtet.

Wir haben während der Studienreise erfahren, dass Überschuldung mehr und mehr auch die Mittelschicht der Gesellschaft erfasst hat.

Für uns stellt sich die Frage, inwieweit in der weiteren Entwicklung unseres Berufes eine intensive Zusammenarbeit zwischen Schuldnerberatung und Verbraucherberatung sinnvoll wäre. Die Rolle der Verbraucherschützer in Ungarn ist viel kleiner, da sich in der sozialistischen Periode solches kaum entwickeln konnte. Es gibt noch keine Spezialisten in diesem Bereich und die Zahl gerichtlicher Verfahren ist gering. Der Kontakt zwischen Schuldnerberatung und Verbraucherberatung befindet sich noch im Aufbau.. Wir möchten die Arbeit gegenseitig kennenlernen und Verbraucherschützer in Schuldnerberatungskursen unterrichten.

Wir haben erfahren, dass in Deutschland spezialisierte Schuldnerberatung integriert in Beratungsteams der Drogen-, der Straffälligen- und Wohnraumhilfe entstanden ist. Als beispielhaft haben wir Stiftungen erlebt, die den genannten Gruppen kurzfristig finanzielle Hilfen und Darlehen zur Schuldentilgung zur Verfügung stellen können.

In Ungarn gab es bisher nur Immobilienfachleute, die bei der Suche nach billigerem, meist kleinerem Wohnraum und beim Verkauf nicht mehr finanzierbaren eigenen Wohnraumes behilflich waren. Die Folgen der Wende haben in Ungarn breite Bevölkerungsgruppen benachteiligt.  Wünschenswert wäre es, wenn auch in Ungarn vergleichbare fianzielle Hilfemöglichkeiten geschaffen werden könnten, damit Regulierungsvereinbarungen zwischen dem Schuldner und seinen Gläubiger möglich werden. Eine weitere Aufgabe bestünde darin, unerwartete finanzielle Notlagen aufzufangen (z.B. Krankheit, Tod usw.).

Nach unseren Kenntnissen und Erfahrungen gibt es in Deutschland ein gut ausgebautes Sozialsystem. Es wäre besonders wichtig, in Ungarn das Existenzminimum -wie in Deutschland und in anderen westeuropäischen Ländern - zu sichern. Es bedarf gesetzlicher Regelungen über das einzusetzende Rückzahlungsvolumen und über den maximal pfändbaren Einkommensteil.

Ein grundlegender Unterschied zwischen unseren Sozialsystemen besteht darin, dass in Ungarn eine gesetzlich geregelte Wohnraumversorgung für Gruppen mit niedrigem Gehaltsniveau fehlt. Die Zahl der Sozialwohnungen mit niedriger Miete ist in den letzten Jahrzehnten stark gesunken.

Wir haben auch das Verbraucherinsolvenzverfahren kennengelernt. Es handelt sich um ein kompliziertes Verfahen, das zu Folgeproblemen führen kann: Wartelisten bei Beratungsstellen, viel bürokratischem Aufwand und unzumutbar lange Wohlverhaltensphase. Aber es gewährleistet auch, dass mehr Schuldenregulierungen unter Abwägung der Interessen der beteiligten Parteien erreicht werden können.

Insgesamt haben wir den Eindruck gewonnen, dass ein gesetzlich geregeltes Verfahren Anstellungsverhältnisse sichern kann und dadurch Wertschätzung und Prestige der Schuldnerberatung gestiegen sind.

Arbeitsgemeinschaften der Schuldnerberater auf Bundes- und Landesebene sichern den regelmäßigen Austausch und eine gemeinsame Berufsidentität durch regelmäßige Treffen und durch Fachzeitschriften. Die Publikation einer Fachzeitschrift in Ungarn sehen wir aus den gleichen Gründen als wünschenswert an.

Neben der berufsbegleitenden Weiterbildung im Bereich Schuldnerberatung ist an der Evangelischen Fachhochschule in Darmstadt erwähnenswert, dass Schuldnerberatung im grundständigen Studium der Sozialarbeit/-pädagogik einen eigenständigen Schwerpunkt bildet.

Wir planen in Ungarn, Schuldnerberatung als spezialisierertes Angebot auch in die Entwicklung der Sozialarbeiterausbildungzu integrieren.

Beispiele zur Entstehung der Schuldnerberatung in Budapest

Maria Péterfi

Der 15. Bezirk in Budapest befindet sich am nord-östlichen Stadtrand. Er besteht aus drei charakteristischen Wohngebieten. Rákospalota ist ein ländlich-dörflicher Teil, in dem überwiegend ältere Bewohner leben. Pestújhely wird von der Mittelschicht bewohnt. In Újpalota wurde vor 30 Jahren ein riesiges Plattenbauviertel gebaut.

So verdoppelte sich die Bevölkerung im 15.Bezirk und die sozialen Probleme verdreifachten sich. Dies drückt sich in folgenden Zahlen aus:

  1. Mehr als 30 % der Bevölkerung ist in einem nicht erwerbsfähigen Alter. 1/4 der Kinder und 1/3 der Rentner erhält regelmäßig finanzielle Unterstützung (Sozialhilfe).
  1. 14 % der vom Alter her eigentlich erwerbsfähigen Bewohner bekommen Invalidenrente oder Ewerbsunfähigkeitsrente.
  2. Die Zahl der Arbeitslosen unter den hier aufwachsenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen erhöht sich ständig.

Der Familienhilfe-Dienst arbeitet seit 1987 in diesem Bezirk. In ihm sind Sozialarbeiter/ Sozialpädagogen, Psychologen, und Heilpädagogen tätig. Seit Mitte der 90er haben wir neue soziale Dienstleistungen eingeführt. So unterhalten wir ein einfaches und kostengünstiges Restaurant, Beratungsstellen für arbeitslose Jungendliche und für Langzeitarbeitslose und seit zwei Jahren auch eine Schuldnerberatung. Letztere wird von zwei Fachleuten durchgeführt. 95 % der Ratsuchenden (1999 waren dies 165 Familien) meldeten sich wegen Zahlungsrückständen von durchschnittlich 14 - 15 Monate bei der Fernwärmeversorgung.

Unsere Beratung lässt sich wie folgt charakterisieren:

  1. In erster Linie wird versucht, die Haushaltsführung zu verbessern und finanzielle Einsparungsmöglichkeiten zu finden, um infolge Vereinbarungen mit den Gläubigern treffen zu können. Allerdings hat die Mehrheit der Ratsuchenden große finanzielle Probleme, ein sehr niedriges Gehaltsniveau und Kranke oder Arbeitlose in der Familie.
  1. Wir versuchen, finanzielle Hilfen zu finden und die Kontakte zwischen Schuldnern und Gläubigern wiederherzustellen. Dies ist nur bei aktiver Mitarbeit möglich.
  2. Derzeit erarbeiten wir einen idealtypischen Beratungsprozess, der den Titel "Die Schritte der Schuldnerberatung" tragen soll.
  3. Es stehen zahlreiche Broschüren zur Informationen der Verbraucher zur Verfügung.
  4. Vor einem Jahr konnten wir die präventive Arbeit mit dem “Haushalts-Club” beginnen.
    Ziel ist, dass die Clubmitglieder erst gar nicht in die Überschuldungsspirale geraten.

Zur Effizienz unserer Arbeit tragen regionale Praktikerforen und speziell unsere “Budapester Werkstatt" mit ihren methodischen Hilfen sehr viel bei.

Káposztásmegyer

Zoltán Burucs

An der nördlichen Grenze der Hauptstadt wurde Ende der 80er Jahre ein Plattenbau-Viertel für 35 000 Familien - in erster Linie für "Mehrkinderfamilien" oder für Familien mit niedrigem Gehalts- und Ausbildungsniveau - errichtet. Diese Wohnungen sind sog. Vollkomfortwohnungen mit großer Bodenfläche (70 - 110 m2) und mit Fernheizung. Nach der Wende konnten diese Familien infolge der drastischen Preis- und Tariferhöhungen die Kosten der Unterkunft nicht mehr bezahlen. Dies führte oft zum Zerfall der Familien.

Beim Familienhilfe-Dienst gibt es seit 1997 Schuldnerberatung. Nach unseren Erfahrungen sind viele Schulden mit eigenen Möglichkeiten und/oder Hilfen Anderer nicht mehr in den Griff zu bekommen. So haben wir 1999 das "Wohnungsmobilitätsprogramm" ins Leben gerufen. Wir versuchen, diese Familien in kleineren, billigeren Wohnungen unterzubringen und die dadurch freiwerdenden finanziellen Mittel zur Regulierung der Schulden zu verwenden. Der bei uns angestellte Jurist sorgt für die rechtliche Absicherung der Transaktionen. Kostenlose Vermittlung und Veröffentlicheung von Angeboten sowie die Vorbereitung von Verträgen helfen unseren Klienten. Um bestehende Energieschulden zu bereinigen, nehmen wir oft die finanzielle Unterstützung der oben vorgestellten Stiftung "Netz" in Anspruch.

Parallel helfen wir Klienten mit hauswirtschaftlicher Beratung.

An unserem sehr populären Projekt nehmen ein Sozialarbeiter, ein Jurist und ein auf den Immobilienmarkt spezialisierter Sozialarbeiter teil.

Unsere Arbeit wird von der Selbstverwaltung unseres Bezirks und von der Hauptstadt Budapest unterstützt.

Übersetzung: Adrienne Nagy


[1] Diese Zusammanfassung basiert auf der Studie “Das Problem des Tarifrückstandes bei den Stadtwerken aus sozialpolitischen Aspekten” vom Péter Györi und Katalin Tausz.

[2] Angaben der Ungarischen Energeibehörde, die im Auftrag des Ungarischen Wohlfahrtsministeriums die Angaben der Energeieversorgungsunternehmen auswertete.

[3] Die Verbraucher  können gleichzeitig bei mehreren Versorgern Schulden haben, so dass hier Mehrfachnennungen enthalten sein können.

[4] Bericht des ZSA, Seite 112

[5] Haushaltsstatistische Beiträge 1997. Heft 4 und 5; ZSA 1993, 1994, 1995

[6] Bei Budapester Energieschuldnern mit niedrigem Gehaltsniveau machen die Wohnungsausgaben 50-60% des Einkommens aus.

[7] Eurosat 1996. Seite 216

[8] Kurzbericht  über die Energieschuldner, Sozialer Fachverband, Budapest 1998, Seite 13

[9] vgl. Bericht von Zoltán Burucs am Ende dieses Beitrages.

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